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Dieses Buch ist über einen Zeitraum von sechs Jahren geschrieben worden. Es sollte eigentlich nie geschrieben werden. Und dennoch entstand es nach vielen Zusprüchen von Freunden. In erster Linie sollte es mir helfen, meinen schweren Lebensweg aufzuarbeiten. Nach zahlreichen Gesprächen entstand der Wunsch, auch anderen Menschen einen Teil meiner Biografie zu erzählen. Ich habe versucht durch viel Humor, aber auch mit dem nötigen Ernst meine Geschichte niederzuschreiben.
1967 als Junge geboren änderte ich nach vielen Jahren der innerlichen Zerrissenheit mein Geschlecht zu dem, als was ich mich immer gefühlt habe, und wurde eine Frau.
Meine Biografie unterschied sich nur unwesentlich von anderen, bis ich an den Punkt kam, so nicht mehr weiterleben zu wollen, nur um der Gesellschaft zu genügen. Es war mir nicht mehr möglich, mein Leben in der gewohnten Weise fortzuführen, da ich innerlich auseinander gerissen wurde. Ich war als Junge auf die Welt gekommen, aber aus irgendeinem mir nicht verständlichen Grund habe ich mich immer dem anderen Geschlecht verbundener und zugehöriger gefühlt. Um nicht aufzufallen, lebte ich als Mann, ohne mich jemals anderen mitgeteilt zu haben. Es war ein normgerechtes Leben. Es war aber nicht mein Leben. Und in einem einzigen Moment wurde alles, was ich bis dahin kannte, völlig umgekrempelt. Ich wurde von jetzt an zu einer Minderheit der Gesellschaft. Ich kämpfte um mein Leben und um die Anerkennung als Frau. Es wurden andere Werte wichtig, wichtiger als beruflicher Erfolg und Geld. Alles wurde auf den Kopf und mein bisheriges Leben infrage gestellt. Es gab auch die Gedanken, meinem Leben einfach ein Ende zu setzen, um diese Verwirrung nicht mehr ertragen zu müssen. Ich musste mich gegen Widerstände von innen und außen durchsetzen. Der Weg ist ein fortlaufender Prozess, der auch mit diesem Buch nicht aufgehört hat. Irgendwann kam aber der Punkt, wo mein Dasein wieder einen Sinn ergab. Vielleicht musste gerade ich diesen Weg gehen. Ist dies der Sinn meines Lebens? Plötzlich sah ich Licht am Ende des Tunnels. Und so ging ich meinen Weg mit erhobenem Kopf. Oft kamen die Zweifel, ob dies auch das Richtige sei, immer wieder erinnerte ich mich jedoch an die schlimmen Jahre zuvor und dies gab mir die Stärke, nicht unter die Räder zu kommen. Heute, nun acht Jahre nach meinem Outing, genieße ich mein neues Ich, gemeinsam mit meiner Familie, die mir immer zur Seite stand. Nun lebe ich, Lena, ohne meine große Lüge. Ich lebe offener und ehrlicher als je zuvor. Ich habe Personen kennen lernen dürfen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Mein Blickwinkel auf die Welt und die Menschen ist ein anderer geworden. Und ich hoffe, dem Sinn unseres Daseins näher gekommen zu sein. Das Leben ist ein Geschenk und wir sollten damit behutsam umgehen. Man kann alles erreichen und es lohnt sich, andere Wege zu beschreiten. Und wenn man erkennt, dass man vieles ändern muss, sollte man das, selbst gegen Widerstände von außen, tun. Ich habe das Glück, zwei Identitäten mit zwei Geschlechtern zu leben. Viele Dinge zwischen Mann und Frau verstehe ich besser als andere. Ich weiß oft, wie Männer und Frauen denken. Es macht das Leben interessanter. Ich habe wieder zu mir gefunden und ich habe mich nicht verbogen. Das, was man von mir sieht, ist authentisch. Denn das alles bin ich.
Lena-Angelique Stachat.
Den Abgrund immer vor Augen.
Tagebuch einer Frau, die nicht als Frau zur Welt kam. ISBN 978-3-89626-899-0 |





